20
Aug
2014
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Baby Boomer zurück an den Start

Ich bin in den Sechziger Jahren auf die Welt gekommen und gehöre zu dieser legendären Generation, welche die Achtziger in vollen Zügen genießen konnte. Auch die Neunziger waren noch eine gute Dekade, aber die Nuller Jahre, sagen wir die Wahrheit, waren nicht nur für mich hart. Dass ich keine einsame, selbständige Einzelkämpferin bin, habe ich nach dieser unsäglichen Abschottungs-Abstimmung bemerkt, an der ich selber nicht wählen gegangen bin. Weil ich (OMG!) auf einmal SVP-verdächtiges Gedankengut in meinen sonst weltoffenen Gehirngängen aufgespürt habe. Wie das? Ein paar wenige Polit-Beobachter haben mir das im Nachhinein so erklärt: Wir, die Baby Boomer made in Switzerland, haben hart gearbeitet und werden jetzt 50 und mehr Jahre alt, und wir sehen dabei zu, wie die erstklassigen Qualitäten und Leistungen, für die wir Einsatz geleistet haben, zum Beispiel mit dem Erringen von eidg. Diplomen, jetzt europäisch umgemünzt werden. Eigentlich etwas Tolles, haben ja zum Beispiel ungarische Zahnärzte in den Sechzigern ihr ganzes Studium nochmals wiederholen müssen, um hier in der Schweiz einen Zahn ziehen zu dürfen. Aber trotzdem fragwürdig, denn ich fürchte mich vor dem typisch schweizerischen Minderwertigkeitskomplex inkl. bilateralem Gemauschel. Die Schweiz, und das weiss ich als Secondo ganz genau, ist eine Idee. Eine gute Idee, die jedermann mit Fleiss, Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Verantwortungsgefühl und Anstand teilen und mittragen kann, so wie sie meine süditalienischen Eltern auch geteilt und mitgetragen haben. Wer das CH-Gen nicht mit der Muttermilch mitbekommen hat, kann es beim Arbeiten und Leben in der Schweiz dazuerwerben. Es gibt einen Schweizerischen Lifestyle, um den uns fast die ganze Welt beneidet. Oder es gab ihn. In den Achtziger Jahren war es im Zwingli Züri schwierig sogar ein Bier nach 2 Uhr morgens irgendwo legal zu erhalten. Steigt man heute am Wochenende um sechs Uhr früh am Bahnhof Hardbrugg aus und geht z.B. zur Arbeit, hat man das Gefühl man landet in Sin City. Der Rubel rollt und regiert auch die saubere Schweizer Welt immer offensichtlicher. Also wird die Idee der Schweiz von innen immer mehr ausgehöhlt. Da ich ja in der Werbung arbeite, weiss ich, was passiert, wenn eine Idee verraten wird: Niemand weiss mehr, wovon man wirklich spricht und die Stunde der Nebelwerfer hat geschlagen. Schnelle Kasse für schlechte Ware, die man nicht wirklich kontrollieren kann, weil die Idee verloren gegangen ist. In einer Agentur, welche die eigene Idee für eine Marke nicht mehr verteidigen kann, wird alles obermühsam. man hat den roten Faden nicht mehr in den Fingern. Vielleicht müssen wir Baby Boomer deshalb nochmals an den Start, weil wir uns noch erinnern, wie es war, die stolze Swissair als nationales Flaggschiff für schweizerische Sicherheit und Qualität zu haben. Oder Fabric Frontline Foulards, mit dem Design von wissenschaftliche Zeichnungen auf wunderbarer Seide. Oder die besten Edel-Uhren. Und die kreativsten Plastikuhren. Es gibt eine Idee der Schweiz, die ich als Werberin nicht aufgeben würde, um schnell an viel Geld zu kommen, wenn der gute Ruf drauf geht. Schlechte Kopien gibt es schon genug. Die Schweizer haben es geschafft, den Massstab für Erstklassiges selber zu bestimmen, unbestechlich geprüft und wieder geprüft und nochmals kontrolliert. Das hat den Wohlstand der Schweiz begründet. Und das hat meinen ausländische Eltern ermöglicht, bei dieser CH-Idee wirklich mitzumachen: Ganz einfach mit ihrer Leistung.

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