18
Aug
2014
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Zelebrieren von Zutaten

Es gibt für mich nichts Eindrücklicheres als meinem Vater zuzuhören, wenn er in Süditalien auf dem Markt einkaufen war. Ein fast schon levantinisches Zeremoniell ist es, sich mit den Gemüse- und Früchte-Verkäufern zuerst mal bekannt zu machen. Ein Fremder ist in Italien ja immer ein Pollo, ein potentieller Dummkopf, den man übers Ohr hauen kann, mit schlapper Ware von vorgestern. Nicht meinen Papa. Er schafft es immer in seiner respekt-erheischenden Art, schon bald die Pfirsiche direkt vom Baum pflücken zu dürfen. Er ist ein Kenner, um nicht zu sagen ein Liebhaber der guten Geschmacksnoten und seine Sinne betrügen ihn nie. Er kann aber auch wie ein kleiner Bub in den Nachkriegsjahren, unglaublich grosse Freude ausstrahlen, wenn er seine Zähne zum Beispiel in eine tiefrote zuckrige Anguria-Scheibe versenkt. Nun ist die Jagd nach den perfekten Zutaten im Land der Verführer ein Nationalsport, und die Geheimnisse, wo das Beste vom Besten zu kriegen ist, so schweigsam wohlgehütet wie die Beichten in den Kirchen. Das Prozedere, wie man den Bauern gezwungen hat, wirklich das neue Olivenöl rauszurücken, wird aber genüsslich geteilt, wie die Verführungsstrategie bei einer schönen Frau in den Jugendjahren, als man noch nicht mit der besten Ehefrau von allen verheiratet war. (Die natürlich sorgsam ausgesucht wurde von der Frau Mamma, versteht sich.) Wenn mein italo-amerikanischer Ast der Familie zu Besuch kommt, wie gerade jetzt, werden alle Rezepte aus dem Repertoire der Esposito&De Priscos rauf und runter gekocht. Wie zum Beispiel Gnocchi an einem regnerischen Nachmittag. Während die drei Blondinen made in USA mit Jetlag noch schlafen, blubbert der Sugo vor sich hin. Meine Mamma hat die Kartoffeln schon durch das Passe-Vite gejagt und mit Mehl und Eier zu einer kompakten Masse verknetet. Irgendwann nach vielem halbschläfrigem Hallo, kommen unsere Twins in die Küche und fangen an mit der Nonna den Teig zu kleine Kugeln zu formen, zu rollen und mit dem charakteristischen Stups in der Mitte zu vervollkommnen. „Der Teig ist aber diesmal gut gelungen“, frage ich ganz nebenbei. „Ja“, sagt mein Papa mit seinem bescheidnen Lächeln. „Deine Mutter hat mich einkaufen geschickt und ich habe tatsächlich Bintje-Setzlinge gefunden, dieses Frühjahr, sie sind gut im Garten gewachsen und es gibt nichts besseres als Bintje für Gnocchi!“ sagt er ganz Gentleman und schiebt die Lorbeeren seiner Dulcinea seit 50 Jahren zu. Bald haben die vorgekochten Gnocchi, der Sugo, die drei Galbani Mozzarellas (Aktion!) und der Parmesan in einer Glaskeramikschale ihr Zuhause gefunden und simmern im Ofen unter einer Alufolie unserer Ekstase entgegen. Grazie Nonni.

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