13
Nov
2014
2

Momente der Stadt

Da macht man einen Social Media Kurs für Textwillige und schon nach dem ersten Abend sind wir auf Facebook und posten, was das Zeug hält. Dank Reda El Arbi sind alle an Bord (auch Gerri) und für den Throwback Thursday habe ich eine meiner schönsten Stadterinnerungen ausgegraben zum Thema „Feinde lieben“.

Ich mag die einsamen, fast menschenleeren Momente in meiner Stadt am liebsten. Wenn alle zu Hause bleiben, weil die Party vorbei ist. Die Aufräumarbeiten sind erledigt, wie die Menschen, die sie ausführen. Auf dem Boden wimmelt es von frischen farbigen Flecken, die der Regen und der Alltag verwischen werden. An so einem Abend stehe ich im Bahnhof Stadelhofen und warte auf meinen Zug auf Gleis 2. Neben mir stehen zwei schicke Jünglinge, mit gegelten Haaren, schneeweiss gekleidet der eine, in metallic blau der andere. Sie sind angeheitert und haben es lustig miteinander. Ich steh rum und schaue an der Parfümerie vorbei in das dunkle Stückchen Nacht. Auf der anderen Seite auf Gleis 1 steht ein Mann, mit abgeschossenen Kleidern, viel zu warm für den lauen Abend, er ist sturzbetrunken und muss sich an einen schön geschwungenen Stahlbogen von Calatrava Halt holen. Auf einmal erhebt er die Stimme. Er grollt etwas zu den Jugendlichen, die in meiner Nähe stehen. In einer Sprache, die ich nicht verstehe, wahrscheinlich aus dem Osten. Die Jugendlichen, die so adrett und für sich ihren Abend geniessen, in einer mir gut bekannten Art, machen keinen Wank. Das erzürnt den Betrunkenen umso mehr, und er hebt an, viele, viele Worte über das Eisenbahn-Trassé, das uns trennt, zu schicken. Er holt ein paar Mal Luft, und obwohl ich keines der Worte verstehe, ist es, als würde er biblische Flüche von sich geben. Den Jugendlichen scheint das egal zu sein. Auf einmal tönt es aus dem Lautsprecher: Der Zug XYZ hat 8 Minuten Verspätung. Auch das noch! Aber wie immer, wenn ich eine Verspätung erdulden muss von Minutenlänge! kommen mir meine Erinnerungen an die Sommerferien im Süden von Italien in den Sinn, in denen meine Familie und ich stundenlang in der Sonne auf einen Regionalzug gewartet haben. Es ist fast gespenstisch still nach der Ansage und ich hoffe, der Mann auf der anderen Seite gibt Ruhe. Nein. Er hat nur Luft geholt und er hat sich in eine noch grössere Wut geredet. Er steht ganz nah am Rand des Bordsteins und man sieht jetzt seine Augen glänzen und das irre Licht darin. Da schaut der Jüngling in Schneeweiss rüber und sagt einen einzigen Satz. Dann wendet er sich wieder seinem Freund zu und sie sprechen weiter miteinander, wahrscheinlich über einen netten Film. Doch dieser eine Satz sprengt den letzten Rest Zurückhaltung im Mann auf der anderen Seite und er springt auf das Eisenbahngleis mit der klaren Absicht Hackfleisch aus dem Jungen zu machen. Er zückt ein grosses Messer. Es ist, als hätte der grosse Schöpfer dort oben den Mixer angemacht, so viele Dinge nehmen innert Sekunden unheimlich viel Fahrt auf. Der Mann strauchelt und fällt hin, die Jugendlichen gehen an den Rand des Perrons und schauen zu. Der verspätete Zug müsste jeden Moment aus dem Tunnel von links kommen und der pünktliche Zug jeden Moment aus dem Tunnel von rechts. Der Mann krabbelt zwischen den Schienen und richtet sich auf. Er klettert langsam zu uns rüber, schreckliche Drohungen ausstossend. Der Jugendliche sagt wieder einen oder zwei Sätze in einem ruhigen Ton. Einer der Züge wird diesen Mann überfahren, das Timing ist zu perfekt. Der Betrunkene im Graben zwischen den zwei Geleisen findet irgendwo noch ein bisschen Kraft und kämpft sich wütend bis zur hohen Bordsteinkante des Gleis 2, wo die beiden Jugendlichen stehen. Er fuchtelt mit dem Messer. Der Zug von links kündigt sich mit Kreischen an. Der wütende Herausforderer für seine gerechte Sache schlipft an der hohen Kante ab. In seine Armen ist zu wenig Kraft, um sich drauf und drüber zu hissen. Die Jugendlichen schauen ganz ruhig zu. Ihre teuren Turnschuhe sind keine zehn Zentimeter von den Fingern des Mannes entfernt. Der nicht aufhört sie zu verfluchen, bis ins letzte Glied ihres Familienclans. Die schlimmsten Worte verlassen den Mund des Fluchenden, das ist zu spüren, doch die Jungs leben schon in einer anderen Welt, als diejenige ihrer Vorväter zu der dieser Berseker gehört, und doch sind sie eigentümlich fasziniert. Das Kreischen des Zugs von rechts kündigt die Katastrophe an, die sich in der nächsten Minute abspielen wird. Der Zug wird diesen Mann unter das Rollmaterial nehmen und ein für alle Mal mundtot machen. Ich kann nicht wegschauen und mein Herz klopft bis zum Hals. Dann, auf einmal, streckt der Mann im Graben die Hand aus nach dem Jüngling über dem Abgrund. Und der Jüngling in Weiss zögert keine Sekunde und nimmt sie in seine Hand. Der dick eingepackte Mann ist zu schwer und fällt wieder runter. Das Licht des Zugs naht. Beide Jünglinge beziehen Position, der Mann streckt seine beiden Arme aus, und nur einer zieht an ihm, denn in der anderen Hand hält er immer noch sein Messer. Es ergibt sich dieser Moment fast unwirklicher Klarheit: Der Betrunkene balanciert, knapp noch nicht auf eigenen Füssen, sondern wie ein Bogen von Calatrava schwebt er noch über der Gefahr über der Kante. Der Junge in Weiss hält ihn mit Bestimmtheit in seinen beiden Händen fest, die Gefahr des Messers vor seinen Augen. Der Hass in den Augen des Mannes ist noch da, die Coolness in den Augen des Jungen auch. Einen Moment lang könnte die Haltung des Jungen noch alles ändern und seine Rache wäre perfekt. Er hätte helfen wollen, obwohl dieser aggressive alte Mann alles daran gesetzt hat, sein Unglück selber heraufzubeschwören. Er hätte Angst haben können vor dem Messer. Aber nein. Mit einem Ruck zieht er diesen Kämpfer für eine verlorene Sache auf sein Perron. Der Zug fährt ein. Der Mann fällt zusammen wie ein alter Ballon. Er lehnt sich an den fest betonierten Bogen, das Messer hängt herunter. Die Jungen stehen ein Stück weiter weg, als ob gar nichts vorgefallen ist. Ich bin Zeugin geworden eines spektakulären Friedensprozess, der sich innert Minuten abgespielt hat, an einem fast menschenleeren Abend in meiner Stadt. Ich liebe Jugendliche mit gegelten Haaren seitdem umso mehr.

For Lidje and for Ines, who loves her fiercely.

 

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