30
Apr
2015
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Die andere Art, reich zu sein.

„Grüezi, sind Sie fliissig am schaffe im Garte?“ fragt mich der pensionierte Dorfmetzger über den Gartenzaun hinweg mit einem Lächeln. „Ja, ich verteile min Komposcht, s’Wetter schpillt grad so schön mit!“ antworte ich mit meinem besten Schrebergarten-Grinsen und etwas Stolz in der Stimme, weil er meine Mühen gesehen hat. Und da blitzt wieder mal die Erkenntnis auf, was meine Eltern an der Schweiz so respektieren. Diese Schweizer Art, Arbeit zu würdigen, besonders, wenn sie von einem Ausländer kommt. Das Bullshitting ist zwar ein amerikanisches Wort, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es erfunden wurde, um napoletanische Emigranten in Brooklyn zu beschreiben. Das Bullshitting wurde in Neapel erfunden und basiert auf der Extremsportart, alle und alles übers Ohr zu hauen, was sich nicht rennend in Sicherheit bringen kann. Und das ist nicht nur bei der kriminellen Mafia der Fall, sondern auch bei der politischen und unternehmerischen. Kein Wunder, haben sich meine mausarmen Eltern zuerst die Augen gerieben, und dann in die Hände gespuckt, als sie gemerkt haben: Wir sind im Arbeiterparadies angekommen. Der Lohn wird bezahlt, die Pension ist sicher, die Strassen sind geteert und die Züge kommen pünktlich an. Und last but not least: Im Spital muss man das Bettzeug und das Essen für den Patienten nicht selber mitbringen. Obwohl es wahrscheinlich kein Volk gibt, dass mehr Orte auf der Erde bereist hat als die Schweizer, können sich die Bewohner von Helvetien nicht immer vorstellen, was das heisst, für die eigene Arbeit gewürdigt zu werden. Aber vielleicht ist das Würdigen der Werte erst dann möglich, wenn man sie am Verlieren ist. Als die Swissair gegroundet wurde, hat die Schweizer Werte-Ordnung zum ersten Mal Risse bekommen, als die Banken-Blasen aufgeplatzt sind, sogar bis zum Fundament. Was ich als Secondo nicht verstehe, ist dass die Schweizer sich selber und ihrer Werte nicht bewusst sind. Dieser ganze Wohlstand, den man grossherzig mit der ganzen Welt via Spenden teilt, ist auch als Idee exportierbar. Als Quintessenz quasi. Man sollte überall eine Schweizer Universität der Arbeitsethik einrichten können, wo Danke sagen, Freundlichkeit und Fleiss, Bauernschläue und Witz gelehrt wird. Wo Sparschweine die heiligen Bonus-Kühe ersetzen und wo man die Natur so grenzenlos lieben lernt, wie die Schweizer Bauern, und das Schweizer Volk, das sie mit den Steuern subventioniert. Ich garantiere: Die ganze Welt würde schweizerisch, eine sanfte Revolution von unten. La Suisse existe everywhere. Wenn man die Schweizer Werte lieben lernt.

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