20
Mai
2015
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Wie weiter im Text. (1)

Was weiss ein Teppichknüpfer über sein Garn? Was über die Kamele, die es liefern, was über die Zeichnung des Teppichmusters? Macht er sich über die Ränder seiner Arbeitsfläche hinaus Gedanken? Würde dies seine Kunstfertigkeit beim Knüpfen erhöhen? Ich stelle Texte her statt Teppiche und habe nur Vermutungen, woher die verarbeiteten Gedanken kommen, ich weiss etwas über das Schaffen guter Lieferbedingungen und kenne auch das eine oder andere meiner Muster. Für Werbetexte war meine Verknüpfungskompetenz immer ausreichend. Manchmal war zuviel Kenntnis über den Tellerrand hinaus sogar störend.Seit mein beruflicher Ehrgeiz die Grenzen der Werbesprache gesprengt hat, entdecke ich blinde Flecken in einem Gebiet, in dem ich mich sonst immer zu Hause fühlte. Blinde Flecken auf meinem Fachgebiet? Das macht unsicher. Aber kein Wunder war ich blind für dieses Neuland in der Sprache, denn es ist ein Sub-Kontinent: Wie ein Bodenschatz verborgen unter einer Oberfläche auf der ich seit Jahrzehnten ackere und Früchte ernte. Werbetexte sind zweckdienlich und von oberflächlicher Natur, Autoren-Texte sind tiefschürfender und bedeutungsschwerer. Um mich zu entwickeln muss ich also runtertauchen, um schätzenswerte Erkenntnisse zu bergen und in den Text einfliessen zu lassen. Durch eine Schreibberatung bei einer geschätzten Kollegin der EB Zürich, habe ich entdeckt, dass sich in meinen eigenen Texten ein paar interessante Tiefgänge verbergen und dass mein Text-Selfie, wenn prozessorientiert betrachtet, nur ein Zwischenhalt sein kann. In der Einleitung ihres Buchs zur Textdiagnose schreibt Marianne Ulmi: Texte, die gut konzipiert und verständlich daherkommen, bezeugen, dass die Sachinhalte verstanden, dass sie durchdrungen sind. Das ist doch eine Einladung in den Keller zu steigen. Lektorieren und korrigieren sind wichtige Schritte, aber mein Text ist in der Tiefe noch nicht ausgelotet, braucht also zuerst mehr Substanz und dann vielleicht Politur. „Sprache ist Träger, Mittel, aber auch Formerin des Denkens“ postuliert das Autorinnen-Team. Indem ich ins Dunkle noch nicht Definierte meines Textes eindringe, wird mein Denken geformt. Das heisst also, die erweiterten Kenntnisse über Garn, Kamele und Muster machen nicht den Teppichknüpfer besser oder den Teppich, sie liefern den Rohstoff für ein befriedigenderes Arbeitsleben.

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