12
Jun
2015
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Die Fremde.

Die ersten 33 Jahre meines Lebens war ich eine Ausländerin. Ich trug statt eines roten Passes einen mildgrünen Ausländerausweis C mit mir herum. Darin stand, dass wenn ich das Land länger als sechs Monate verliess, diese Lizenz erlöschen würde. Also eine klare Ansage mit Ablaufdatum. Mit 33 kaufte ich mir und meinen Kindern, die auch als Italiener auf die Welt gekommen waren, drei Pässe für 10 000 Franken und wir wurden Herrliberger. Von Schweizern wurde ich immer als willkommene Fremde behandelt. Mein erster Creative Director war so begeistert von Italien, dass er mich mit seiner Bewunderung in Grund und Boden schwatzte. Ich wusste nur in der Theorie von was er sprach, denn das Mezzogiorno, aus dem meine Eltern stammen, hat eine ganz andere sehr viel brutalere Realität zu bieten als Florenz. Da meine Eltern mich streng napoletanisch aufgezogen haben (Pagani-Dialekt reden, in die Kirche gehen, Pasta mit Hülsenfrüchten essen usw.) war meine Welt hermetisch abgeschlossen, und das Fremde wo hin wir gezogen waren, winkte verführerisch und duftete nach Freiheit. Meine Eltern begannen in meiner Pubertät überfordert von ihrer Lebenswahl zu sein, die ihnen einfach materielle Sicherheit versprochen, aber alle Abgründen der modernen Schweizer Gesellschaft verschwiegen hatte. Nun mussten sie zuschauen wie ich, ihr kirschäugiges Trophäenkind mit Matur in die Werbung wollte statt eine akademische Laufbahn zu wählen und es ziemlich bald ohne Trauschein zwei Kinder bekam. Meine Lehrer, meine CDs und meine Schwiegermutter haben mich alle ausnahmslos geliebt, weil ich als nettes Sprachtalent viel las, gut schrieb und mich um gesellschaftliche Konventionen einen Deut scherte, aber auf eine harmlose Art. Nach meiner Trennung wurde ich eine alleinerziehende Vorzeigemamma mit fehlerfreier Logistik und einem Netzwerk, das mich 20 Jahre lang mit Werbe-Aufträgen versorgte. So lange ich im Sinne meiner Eltern und dieser Gesellschaft funktionierte, war ich keine Fremde. Keine Lebenssituation war gegen mich ausgerichtet. Sogar nach meiner zweiten Scheidung, die vor Gericht ausgefochten wurde, war meine angepasste Emigranten-Art, durchdrungen von harter Arbeit und pünktlichem Rechnungen zahlen, viel Wohlwollen bei der richterlichen Beurteilung wert. In der Pubertät meine Kinder fingen meine Probleme an, mit meiner zweiten Pubertät. Genau wie ich hatten mein Sohn und meine Tochter die Nase voll von der hermetischen Welt in der ich sie aufgezogen habe (Secondo sein, Kreativität verkaufen, Sushi essen usw.) und sie rebellieren auf ihre Art. Sie sind die Frage am Ende des Dreisatz, den jede Familie anders stellt. Unserer lautet: Wenn die Nonni Pasta mit Hülsenfrüchten essen, deine Mutter Sushi und dein Vater vegi isst, was wirst du kochen, um glücklich zu sein? Diese Frage werden sie beantworten lernen, ich habe Vertrauen. Doch in der Zwischenzeit macht mich meine Angst um sie verrückt und ich habe einen Zeitvertreib gefunden. Als Schreiberin eines Blogs, vielleicht als Schriftstellerin. Nach meinen Eltern rebelliere ich gegen mein Eltern sein und gehe in die Fremde in mir. Es hat doch auch Vorteile ein Doppelbürger zu sein und eine Grenze zu fühlen, die durch dich hindurch geht. Ich wünsche mir eine gute Reise.

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