16
Okt
2016
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Ich heisse Anna und bin eine Kreative.

Wer aus dem Schattenland der Mafia kommt und eine Kindheit im zweiten Weltkrieg überlebt hat, denkt beim Wort Kreativität nicht an dänische Design Vasen oder an die Tate Modern, sondern ans nackte Überleben. Kreativ sein bedeutete für meine Eltern, einen neuen Weg beschreiten, um das Essen für ihre Familien zu sichern. Ihre Väter waren Soldaten und ihre Mütter verzweifelt, so mussten Gennaro und Giulia täglich Ideen haben, wie es weitergeht. Das haben beide sehr gut gemacht: Vom Zwiebeln klauen bis zum Flechten von Stühlen. Sie haben ihre Familien ernährt und wurden von ihren Müttern miteinander verkuppelt, als es klar war, dass die Emigration in die Schweiz anstand. Meine Eltern, die Überlebenskünstler, wurden aus kreativen Schöpfern zu produktiven Schaffern. Auch dank der Schwarzenbach Sicht zahlten sie diese Transformation mit grossen Angstzuständen, da sie ihre Schublade der Sicherheit gefunden hatten und nie mehr verlassen wollten. Für ihre Familie, und in erster Linie für mich, ihr erstes Kind. Aber auweia: Ihr Kind, so stellte sich schnell heraus, war eine Kreative. Als ich mit sechs eine Musterflasche Ajax Glasrein aus dem Briefkasten gefischt hatte und alle Chegelischüeler in einer Reihe aufstellte, um ihnen in die Augen zu sprayen und sie verzaubert nach Haus zu schicken, konnte man es nicht mehr verstecken.

Ja, ich wurde berühmt-berüchtigt in Schwammendingen und es wurde nicht besser in meiner Jugend in Schlieren. Meine Schlachten, um meine Eltern wieder kreativer zu machen, habe ich alle verloren. Nie konnte ich stringent beweisen, dass Discobesuche nicht in die Hölle führen und Sex ohne Heirat nicht in die totale Verdammnis. Ich wurde zu ihrer ständigen Panikquelle: zweifache Mutter ohne Trauschein, Werbetexterin, selbständig und dann auch noch Coach. Als ich selbst fast dem Wahnsinn zum Opfer fiel, als meine Kinder ihre kreativen Wege beschritten, waren sie so weise, darauf zu vertrauen, dass ich kreativ damit umgehen würde. Das habe ich und bin Leiterin eines Bildungsgangs geworden für Kreative.

Nun kommt der vierte Bildungsgang der kreativen Texterinnen und Texter in der EB Zürich zustande, und nach drei abgeschlossenen BGs mit vielen unglaublich kreativen Persönlichkeiten, kann ich resümieren, dass Kreativsein, alle aus dem Häuschen bringt, ganz egal wie cool sie sind. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Angst zuerst ist und dann die Idee, oder umgekehrt oder beides gleichzeitig. Ich kann aber mit Sicherheit sagen, es ist einfacher, einem Menschen seine Kreativität aufzuzeigen, als die eigene zu akzeptieren, an sie zu glauben und den ganzen Weg für sie zu gehen. Es geht nicht anders als allein. Aber nicht mehr lange.

Das Ende der Konsumgesellschaft mit dem Verlust von Abertausenden von Arbeitsplätzen wird uns alle zu Kreativen machen. Ich weiss, dass ich Texterinnen und Texter ausbilden helfe hinsichtlich einer Zukunft, in der das Publikum für Produkte und Dienstleistungen, nicht nur umworben, sondern zum Teilhaben überzeugt werden muss. Da helfen Facts and Figures, aber echte Leidenschaft beim Schreiben macht den Unterschied. Wir werden die Gesellschaft der Konsum-Ender noch sehen, wie sie beginnt. Und die neuen Texterinnen und Texter werden erklären, dass der Kauf oder Nicht-Kauf und die Kundentreue in direktem Zusammenhang mit Arbeit und Arbeitslosigkeit steht. Wir werden mit viel weniger Geld viel mehr Glück versprechen. Ich bin sicher, dass mein Beruf nicht nur für mich zur Berufung werden wird, sondern für alle, die das Wort ergreifen, um etwas besser und kreativer zu sagen. Ich freue mich schon jetzt auf Millionen Legionen.

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