9
Mai
2017
1

Blitz ohne Donner.

Es braucht ein ganzes Leben, um zu begreifen, wer man ist, sagte man früher. In diesen digitalen Wohlstandszeiten habe ich in diesem Leben diverse Leben neu begonnen und wieder abgeschlossen und jedes Mal ein bisschen mehr begriffen. Viele kleine Tode inbegriffen. Der richtige Tod klopft schon seit einiger Zeit an die Türe meiner Mutter. Der Frau, die für mich immer Ursuppe und Big Bang in einem gewesen ist. Nach jedem katastrophalen Lebensabschnitt, den ich durchgemacht habe und vor dessen Scherbenhaufen ich gestanden bin, hat sie immer etwas total Falsches gesagt, und mich so auf die richtige Fährte gebracht. Meine eigene. Das letzte Mal ist das passiert, als ich meine Ausbildung als spirituelle Prozessbegleiterin mit Diplom abgeschlossen und am Tag der Offenen Tür in meiner Coachingschule meinen ersten Vortrag gehalten habe. Ich war bereit, nach meiner etwas holperig abgeschlossenen Familienphase, etwas Neues zu beginnen: Ich wollte als Coach Menschen statt Unternehmen beflügeln. Einen Tag später hat sie mich angerufen und gesagt, sie habe Krebs. Natürlich hat sich diese Krankheit schon seit längerem in ihrem Körper verbreitet, doch das Timing ist beeindruckend. Mein Transit von der Werbetexterin zur Wortschamanin wurde abrupt gestoppt. Nun sitze ich drei Jahre später in Pagani, Salerno, habe mehr als zwei Wochen einer Frau zugeschaut, die alle Register ihres Lebens nochmals gezogen hat, um sich bewusst zu verabschieden und die meiste Zeit bin ich sprachlos. Ich bin nur eine Reserve von vielen, die sie zücken kann: Ich fahre sie zu den Ämtern und Poststellen, ich koche und wasche ab, ich werfe Abfall weg im kompliziertesten System dieser Erde, dem italienischen. Schon seit längerer Zeit weiss ich nicht mehr weiter im Text meines Lebens. Die Krankheit meiner Mutter hat mich angehalten. Angehalten nachzudenken, denn es ist die letzte Etappe, in der sie für mich die Rolle der Antithese spielen kann. Während ich dies schreibe, hat sie meinen Vater dazu verdonnert, alle Pfannen mit Stahlwolle zu putzen. Eine kluge Tätigkeit, wenn man hier leben will, eine totale Zeitverschwendung, wenn man nie mehr zurückkommt oder die eigenen Erben alles auf den Müllhaufen werfen werden. Meine Mutter ist ein Punk. Ihr ist das egal. Che me ne fotte!* Sie hat sich nie geschert um andere Meinungen. Obwohl sie jetzt an der Sonne in Positano einen Kaffee und ein Zeppola geniessen könnte, will sie lieber in einer Siebziger Jahre Wohnung mit psychadelischen Tapeten nach der Perfektion suchen in den blankgeputzten Rändern alter Pfannen. Man muss diese Frau bewundern, dass sie sich selbst so genau zuhören kann und sich selbst so treu ist. Ich habe meine Eierschale an immer neuen Stellen durchbrochen und viele Teile des Himmels entdeckt. Sie hat aus ihrem kleinen Loch den immer gleichen Flecken Blau gesehen und ist an jedem Tag aufgebrochen mit der gleichen Mission: Die Ränder ihrer Sicht als Horizont zu zementieren. Wer lange genug lebt, bekommt Tiefgang in seiner Sicht der Dinge. Sie hat immer geputzt wie ein Berserker, meistens dann, wenn andere noch etwa länger schlafen wollten. Nun, auch diese ihre letzte Reise wird sie nicht Lügen strafen. Und mein nächster Lebensabschnitt, wird er mich auch ohne sie meiner Wahrheit etwas näher bringen? Ich habe meine Familienphase nicht gern losgelassen, es war ein dramatisches Sterben eines Teils von mir, auch viel Weiblichkeit war darin inbegriffen. Jeder einzelner Knochen in meinen Mutterklauen wurde mir mehrfach gebrochen von meinen erwachsenen Kindern. Ganz zu schweigen von meinem Herz, das mir aus dem Leib gerissen wurde. Die letzten zehn Jahre habe ich meiner Neuorientierung gewidmet, mein Herz wieder anwachsen lassen, alles losgelassen, um zu sehen, was wirklich zurückkommt und zu mir gehört. Pagani wird es nicht sein. Dieses süditalienische Nest voller hysterischer Verwandter kann mich mal. Das Beste von hier sind meine Eltern, die in die Emigration gegangen sind, weil sie hier von allen restlos ausgenutzt wurden und dann von niemanden eine helfende Hand erwarten durften.
Mein Vater hat kopfschüttelnd zu mir gesagt, nachdem mein Ex-Mann und seine Chefdüse, zehn Monate nach unserer Heirat eine Amour F*** gestartet haben und er mich wortlos verlassen hat: „Sie hat dir deinen Donner gestohlen.“ Das stimmt. Irgendwie habe ich es geschafft, genau das nachzubilden, was meine Eltern in Pagani erlebt haben. Gennaro und Giulia haben beide ihre Familien mit ihrem Lohn unterstützt, Geschwister gesponsert, Väter stolz gemacht, Mütter getröstet, um dann nach all ihrer Mühe ganz allein in die eisige Schwarzenbachgeschüttelte Schweiz zu reisen. Auch ihnen ist ihr Donner gestohlen worden. Aber der Blitz, den haben sie leuchten lassen. Sie haben sich in Zeiten, in denen alle Schwarz gesehen haben, etwas einfallen lassen. Lightbulb! Wie meine Eltern habe auch ich das eine oder andere Licht angezündet, bei meiner Arbeit und für meine Lieben. Ich texte und hoffe, den Unternehmen mit meinen Konzepten ein sinnvolles Glanzlicht zu geben. In der Werbung ist mir das in dreissig Jahren nie langweilig geworden. Jetzt doziere und coache ich, und sehe dabei zu, wie auch andere ihre Geistesblitze erleben. Ich werde weiter versuchen meinen Eltern, diesen beiden Lichtgestalten, ins grosse Dunkel zu begleiten, so weit sie mich lassen. Ich will mir die Zeit nehmen, genau zuzuhören und mir dabei bewusst zu bleiben, dass dies ihre Aufgabe ist, nicht meine. Ich werde mich über alle Masse aufregen, wenn meine Mutter etwas total Falsches zu mir sagt. Damit ich, vielleicht zum letzten Mal, auf meine richtige Fährte gebracht werde. Und wenn sie es vorher nicht schafft, kann sie mir ja immer noch aus dem Jenseits Bescheid geben. Wozu bin ich sonst spirituelle Prozessbegleiterin geworden?
*Fuck you Paganistyle.

1 Kommentar

  1. Nia

    Liebe Anna

    Dieser Text ist wie Zigeunermusik in meinen Augen und im Herzen.
    Nur ein Zigeuner schafft es, mich mit einer Melodie und einer Geige zum lachen, tanzen und gleichzeitig zum weinen zu bringen.
    Meine Mutter schreit auch schon ihr ganzes Leben lang. Oder zumindest seitdem ich sie kenne. Und sie putzt. Sie putzt, wenn sie hässig ist und sie ist oft hässig. Aber mit so viel Liebe und Passion ausgestattet, wie man sich das von einer Sofia Loren vorstellt. Wo sie steht und schreit, da wächst kein Gras mehr und mein Vater kann seelenruhig neben ihr stehen, lächeln und sie schreit trotzdem weiter. Meine Mutter und mein Vater würden nach über vierzig Jahren Ehe nur ungern einen Tag ohne den anderen verbringen.
    Genisse den Sturm, auf den hoffentlich Klarheit und ein schöner Horizont folgt.

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