26
Dez
2017
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Stephanstag

Der dritte Weihnachtstag ist mein Liebster: Der Bonustag ohne Agenda. Der letzte Sissi Film läuft, und vielleicht auch die Rückkehr der Jedi. Es hat jede Menge Resten zum Essen im Kühlschrank, und Guetzli à gogo. Dresscode Pischi ist total okay für den ganzen Tag. Draussen ist Gottseidank neblig und ich kann tief Atem holen und…nachdenken. Ich bin jetzt über 50 und es ist auch in meinem Leben eine Art Bonusteil, der ansteht. Ich weiss, wer ich bin, ich habe das Drama im zweiten Akt gemeistert und muss jetzt nur noch die losen Enden zusammenführen. Werde ich auf ein Happy End hinarbeiten? Ich habe meinem Cousin Giuseppe während der Hochzeit seiner Schwester im Frühling gebeichtet, dass ich mich noch einmal so richtig verlieben will. Ohne Kinderpläne und Patchwork, einfach fürs Herz. Er hat genickt und gelächelt. Auch er ist über 50 und Single und weiss, wovon ich spreche. Aber dieses Ziel allein ist nicht abendfüllend, auch das weiss ich aus meinem zweiten Akt. Was denn? Mein Roman liegt unfertig in der Schublade, und wartet auf psychologische Recherche. Mein Bildungsgang der Texter ist zwar durch den Bund geadelt worden, muss aber neu aufgegleist werden. Meine Coachingpraxis braucht einen Boost und meine Schreibkraft ist – wie seit 20 Jahren – auf Abruf bereit für Werbung und Webcontent. Was denn? Ich habe immer noch wilde Träume: Ein Bed&Breakfast in Schottland zum Beispiel. Aber dann habe ich noch zwei alte Eltern, die mich immer noch so nerven, dass ich so viel von ihnen lernen kann über mich. Also bleibe ich noch ein bisschen. Mein Körper wird jetzt älter werden, die Babyfactory hat jetzt endgültig geschlossen und das Erneuerungsprogramm jeden Monat kommt nicht mehr. Das fühlt sich seltsam an, die 30 Tage Regel war meine innere Uhr für so lange Zeit, die vier Tage mit schrecklichen Schmerzen, die Zwangspause, die mich immer wieder auf den Boden zurückgeholt hat. Meine Eltern halten mit ihren über 80 Jahren viele Schmerzen aus. Doch wollen sie am Leben bleiben mit jeder Faser ihren Willens. Das holt mich auf den Boden zurück.Jeder gesunde Tag ist ein Geschenk. Was denn? Einmal mehr muss ich dieses Nichtwissen als Teil meines kreativen Wesens akzeptieren lernen. Ich gehe fast jeden Abend ins Bett und bete um eine Idee, die mir am nächsten Morgen, einen klaren Weg zeigen soll. Manchmal stehe ich auf und schreibe am Roman weiter, manchmal gehe ich direkt in den Schrebergarten und hacke wild herum. An manchen Tagen komme ich zu nichts. Angst habe ich seit ich denken kann, aber das ist kein Antrieb mehr in meinem Leben, nur ein Grundton. Was denn? Ich halte mich aus und schaue mich an und wähle jeden Tag ein neues Schlachtfeld aus, um mich zu bessern. Manchmal sind es kleine Siege über mich selbst, oft ewig gleiche Niederlagen, die mich fast verzweifeln lassen. Ich bin die ich bin. Und daran wird sich in diesem Leben nichts mehr ändern. Aber das Unterwegs sein darf mich immer noch überraschen wie ein Kind am Stephanstag. Und dafür gehe ich immer wieder gern auf Wanderschaft.

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