30
Sep
2023
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Aufbruch in den Herbst

Auch dieser überlange Sommer wird langsam eingeholt vom natürlichen Kreislauf, und ich entdeckte heute morgen wieder meine Freude zu schreiben. Wo anfangen? Am Schluss: Ich liege hier faul in meinem Bett und habe nur ganz leichte Schmerzen. Ein Wunder, denn statt zweier Brustdrüsen habe ich seit dem 4. September zwei Ballönli mit Wasser in meiner Brust. Der technische Ausdruck heisst Mastektomie mit anschliessender Rekonstruktion. Doch beginnen wir am Anfang.

Im Jahr 2011 wurde ich geschieden, ich habe mein Zuhause von 20 Jahren aufgegeben, meine Tochter ist nach meinem Sohn auch ausgezogen und ich habe eine Prognose von meiner Gynäkologin bekommen: „Es isch nöd nüd.“ sagte sie mir mit ernster Stimme und irgendetwas in mir hat sehr aufmerksam zugehört, obwohl ich es cool auf die Seite legte. Meine Brust schien mit ihrer heterogenen Beschaffenheit Grund zur Sorge zu sein. 2012 und 2013 folgten zwei MRI’s und dann jedes zweite Jahr eine Mammografie. Und obwohl Zysten und verkalkte Milchgänge abenteuerliche Mondlandschaften zeichneten, war alles gut, da sich nichts veränderte.

Ich lag aber heimlich innerlich auf der Lauer, und begann mich zu verändern. Ich hörte auf, meine Haare zu färben. Ich begann einen zwei-jährigen Lehrgang zur spirituellen Prozessbegleiterin bei Living Sense und ich liess meine beiden Kinder frei, so frei, dass ich mich selber wieder neu kennen lernen konnte als Frau. Ich habe mich nicht mehr verliebt und hatte viel Zeit für mich. Dann habe ich im Februar 2014 den Spiri-Lehrgang mit Diplom abgeschlossen und am eigentlichen Präsentationstag kam der Anruf meiner Ma, die sagte: „Ich habe einen Knoten in der Brust entdeckt.“

In den folgenden vierundeinhalb Jahre bin ich meiner Mutter zur Seite gestanden in ihrem tapferen Kampf gegen einen Gegner, den sie vom ersten Moment als unbesiegbar erkannte. Der Professor vom Hirslanden fragte sie: „Wollen Sie leben?“ und sie bejahte aus vollem Herzen und kämpfte mit allem, was sie hatte bis am 31.10.2018. In diesen Jahren war ich bei jedem Untersuch dabei, weil meine Ma kein Deutsch konnte. Dazu haben meine Brüder und ich in einem Whatsapp Chat jede Entwicklung studiert und uns gegenseitig erklärt, damit ich dann meiner Ma ein Destillat präsentieren konnte, das sie verstand. Zintigrafie, Chemotherapie, Radiologie, Anti-Hormon-Therapie, weisse Blutkörperchen, Immuntherapie, CTs, MRIs dazu Kräuterbäder, Malvenwasser, aber keine Misteltherapie, das ging meiner Ma dann zu weit. Ich kann mich gut erinnern an den Moment in den Eingeweiden des Hirslandenspitals als ich von der Beraterin von Supertext die x-te Korrektur empfing für einen Text und ich beschloss, dass dies der letzte Textjob gewesen war. Ich konnte die unerträgliche Leichtigkeit des Texterseins nicht mehr vereinbaren mit dem, was in meinem Leben geschah.

Ich hatte auch das Glück, 2011 den Lehrgang der Texter an den Start zu bringen und bin 12 Jahre lang sehr glücklich mit meinem Leiter-Pensum gewesen. In meiner Parallelwelt als Krebsbegleiterin lernte etwas in mir für mich dazu und das alles hat mir mein Da-Sein gerettet, da seit dem 4. Oktober 2022 etwas aus meiner linken Brust zu „süderen“ begann. Dieses Etwas wurde untersucht und als harmlos eingestuft. Auch die Mammographie im Januar 2023 war unauffällig, doch die Sekretion wurde blutigrot und das MRI im März zeigte auf, dass die Verkalkungen links sich verändert hatten, „Nein, ADH-Zellen sind kein Krebs“, sagte mir die nette Oberärztin und Chirurgin, wollte aber trotzdem etwas mehr raussschneiden. Noch etwas mehr rausschneiden wollte auch der zweite Chirurg: „Wir schneiden die Brustwarze ab und einen schönen Teil der Brust, dann haben Sie Ruhe.“ Zu beidem sagte ich Nein.

Ich habe mich erinnert, dass meine Ma unzufrieden gewesen war mit ihrer brusterhaltenden Operation. „Wieso haben sie nicht alles weg geschnitten“, fragte sie mich und ich antwortete ihr, dass dies nicht mehr gemacht wurde. Fast fünf Jahre später produzierte ihr Brustdrüsengewebe immer noch 3 Millimeter- grosse Karzinome, die als kleine Mollusken sichtbar wurden auf der Oberfläche der Brusthaut. Der Onkologe sagte: „Ja, das Mamma-Karzinom wird jetzt so herausgeschafft.“ Ich habe mich auch erinnert, dass meine Ma im Dezember 2017 fast gestorben ist, weil Herz und Lunge nicht mehr mitmachen wollten. Als sie wieder zu Kräften kam, sagte sie zu mir: „Ich war auf der anderen Seite, und ich habe jetzt keine Angst mehr davor.“ Ich musste lachen über diese fast kindlich einfache Einsicht und fragte sie: „Und wieso bist Du zurück gekommen?“ „Ich habe noch Dinge zu erledigen.“ Das eine Ding war mit Sicherheit die schönste Beerdigungsmesse meines Lebens mit dem italienischen Kirchenchor von Schlieren der „Happy Day“ sang, während sie im Krematorium Nordheim zu Asche wurde.

Als sich mein Krebskampf abzuzeichnen begann dieses Jahr hatte ich also dank meiner Ma bereits zwei Einsichten: Die andere Seite macht uns keine Angst und bei Brust-Ops sind halbe Sachen zu vermeiden. Da beide Chirurgen keine Mastektomie machen wollten,  beschloss ich, einen anderen Weg zu gehen. Ich ging in die Akupunktur und bekam chinesische Kräuter, um den Vorgang der Veränderung in der Brust zu begleiten. Im Juli schickte mich die chinesische Ärztin ans UNI-Spital Zürich, um ich weiter untersuchen zu lassen. Aber auch das dritte MRI und die dritte Punktion brachte nur innerhalb der Milchgänge Karzinom-Zellen zutage. Bei einer Grösse der Milchkanäle-Masse von 8,5 auf 5 auf 4,5 cm waren aber drei Punktionen nicht repräsentativ. Der Vorschlag der dritten Chirurgin war, wieder einen Teil wegzuschneiden und zu untersuchen und zwar den in der unteren Hälfte. Ich sagte nochmals Nein.

1999 habe ich mit einer Art Directorin den Pitch gewonnen für die Kommunikation der Klinik Pyramide am See. Mein Claim „Spitze am See“ sicherte uns den gesamten Arbeitsauftrag exklusiv. Unter anderem schrieb ich in den 13 Jahren dieses Mandats die Broschüre zur rekonstruktiven Brustchirurgie. So ging ich nach dem Uni-Spital zu Dr. George mit meinem Wunsch nach einer beidseitigen Mastektomie und er fackelte nicht lang. Innert drei Wochen war ich operiert und die histologische Untersuchung hat in 970 Gramm Gewebe ein 10,5 Millimeter langes invasives Karzinom gefunden, dass sich aus den Milchkanal herauszuwinden begonnen hatte. Nicht zu sehen im MRI ein paar Wochen vorher.

Ich bin nun also in der Schwesternschaft der Brustkrebs-Patientinnen angelangt, obwohl mein Onkologe Dr. Bättig sagt, dass ich streng genommen keinen Brustkrebs sondern Krebs in der Brust gehabt habe. Die fortführende Behandlung beinhaltet eine Anti-Hormon-Therapie für die nächsten 5 bis 10 Jahre. Ich fühle mich gut für eine Rekonvaleszentin, denke über meine Arbeitschancen danach nach, da ich den Lehrgang weitergegeben habe. Doch mehr als was ich in der Arbeitswelt noch zu geben habe, liegt es mir am Herzen, meine Geschichte zu erzählen. Ich bin nicht gebaut, um lauthals meinen Standpunkt, als den alleinseligmachenden heraus zu trompeten und ich kann trotz aller Sorgfalt genauso an den Folgen sterben wie jede andere Krebspatientin.

Es geht mir darum mich als Ganzes zu verstehen, wie ich in meinem Heilkräuterkurs gelernt habe und nicht als Körper mit Teilproblemen. Schreibenderweise hier ist es am besten, damit auch andere vielleicht etwas mitnehmen können. Nicht alle haben das Glück eine Mutter in der Vorreiterrolle zu haben und mit zwei sehr gescheiten Brüdern die moderne Artillerie der Krebsmedizin zu reflektieren. Da meine Ma eine geniale Putzfrau gewesen ist ihr Leben lang habe ich ihr die Chemo als Putzvorgang geschildert und es ist ihr mental etwas einfacher gefallen, jeden Montag die Infusion zu erdulden und die Tabletten zu nehmen. Ich habe radikal alles wegschneiden lassen und bin jetzt für die nächsten 5 Jahre im Monitoring. Damit lässt sich mental ein neues Kapitel aufschlagen. Bleiben Sie dran.

 

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