10
Jun
2024
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Über meine Art von Angst.

„Hello, Darkness, my old friend.“* Ach, wäre es nur so einfach! Würde sich meine Angst anständig anmelden, an meiner Tür läuten und mich bitten, ihr Einlass zu gewähren, dann wäre sie wohl ein alter Freund geworden. Sie ist aber mein alter Feind, meine versteckte zweite Haut unter meiner Haut. Unsichtbar und immer fühlbar, aber erst seit kurzem wirklich fassbar. Liebe Berührungen kommen selten an, gehen fast nie an meiner zweiter Haut vorbei in Richtung Herz. Denn meine Angst ist ein unsichtbarer Panzer, der mich von anderen auf Distanz hält, körperlich und geistig. Ausser, und das ist das Bizarrste am Ganzen, wenn ich existenzielle Todespanik fühle und mich das Adrenalin flutet. Dann macht mich meine Angst frei und ich fliege wie ein Luftballon über diese Welt: Um zu beobachten, zu überlegen, zu entscheiden und endlich… um zu leben. Meine Angst hat mir letztes Jahr das Leben gerettet. Sagt man mir. Aber meine Angst verbietet mir auch, es zu glauben.

Heute schreibe ich, um mich selbst zu erforschen. Wahrscheinlich mache ich das aber schon mein ganzes Texterleben lang, parallel zu meinem Beruf. Ich konnte als Texterin lange nicht zu meinem kreativen Inneren gelangen, hatte oft einen immensen Schreibstau und prokrastinierte wie die Besten der Besten. „Der Berg hat eine Maus geboren“ sagte mal mein CD Peter Lesch zu mir, als ich nach Wochen voller Angst eine Headline geschrieben habe, die da hiess: „Kaufen Sie diese Zeitung.“ Was ist passiert bis zu jener Karrierephase vor meiner Hochzeit als ich täglich morgens im Bett, drei Slow Food Prospekte für Coop getextet habe? Und ein paar Tausend Worte vom Geschäftsbericht der Glarner Kantonalbank? Um dann meine Aufgaben als Patchworkfamilien-Mami mit vier pubertierenden Kindern und einem Labrador mit viel guten Worten zu meistern? Nicht viel, denn die Angst, die mich von mir abschneidet, hatte nur Platz gemacht, um Geld zu verdienen und um mir Positionen zu erobern, die ich aber im (Unter)Grunde gar nicht wollte. Paradox, aber wahr.

Das Schlimmste, das mir meine Angst beschert, ist, dass mir niemand meine Angst abnimmt. Zu gut ist sie in den Falten meines funkelnden Ichs versteckt. Sie ist der Qualitätskontrolleur, der Ansporn, immer einen Schritt weiter zu gehen und der Grund, im Alleinsein, mein Glück zu finden. Ich verdanke ihr, dass ich mich als alleinerziehendes Mami mit Fixkosten über 5000 Franken mit Erfolg selbständig gemacht habe. Ihr ist es geschuldet, dass ich das Unterfangen, kreatives Texten für einen eidg. Fachabschluss zu lehren, gemeistert habe, über 120 mal. Die Distanz, die ich zu mir selber fühle, macht mich super professionell. Denn dank ihr bin auf der Überholspur. Während andere sich überlegen, ob und wie sie etwas zu sich nehmen wollen, bin ich schon auf der Zielgerade am Einlaufen. Nur um zu merken, dass ich den Gewinn gar nicht brauchen kann.

Geld ist immer cool. Schöne Dinge geniessen ist das Privileg der Baby Boomer Generation, zu denen ich gehöre. Gut, hatte ich des öfteren spektakuläre Abstürze, die mich wieder direkt zu mir führten und zu meinem Underground der Angst. Ich bin heute dankbarer für sie, als für die vielen guten Zeugnisse und Bestnoten, die ich bekommen habe. Was ist falsch mit mir, war die Frage, die ich mir auf meinen Ground Zeros gestellt habe. Lange allein und dann mit Psychologinnen, Therapeut*innen, Coaches, spirituellen Mentorinnen und meinem Tagebuch. Nichts ist falsch an mir. Ich bin wie ich bin. Das ist meine Quintessenz. Meine Angst, andere zu lieben, ist meine Angst, mich zu lieben. Und wenn ich ehrliche Nähe will, zu mir und zu anderen, muss ich genauso dafür kämpfen wie alle anderen auch. In der Angst sind wir alle allein, und darin sind wir alle gemeinsam unterwegs. So einfach.

Aber in meinem Leben ist nichts einfach. Vor allem nicht, wenn ich mir alles schön zurecht gelegt und noch nicht den Weg durch die Angst zu meinem Herz geschafft habe. Und das führt mich nun direkt in die Highlands, in einen weissen Mercedes SUV, in dem ich auf dem Rücksitz sitze und meine beiden Kinder beobachte, wie sie den Weg durch Schottland für mich in Angriff nehmen. Mein Geburtstagsgeschenk wurde mir im Februar 2023 mit einer selbst gemachten Karte mit der sinnigen Headline „Where to next?'“ überreicht. Da ich damals noch nicht wusste, wie es weitergeht mit meiner Gesundheit, ist es nun Mai/Juni 2024 geworden und ich geniesse diese Roundtrip auf der linken Strassenseite mit meinen zwei liebsten Menschen sehr. Von Edinburgh rauf nach Inverness und Culloden Field, dann nach Fort William und Hogwarts, durch Glencoe nach Crieff und dann wieder nach Edinburgh.

Bevor der sympathische, schottische Taxifahrer das traumhaft schöne und symbolische Bild von uns drei geschossen hat vor der Destillerie Glenturret nach unserem 14-gängigen Michelin-Mahl im Lalique Restaurant, hatten wir wir ein todessehnsüchtiges Erlebnis. Wir fuhren durch die Skyfall-Landschaft von James Bond, gut in der Zeit, um um 16 Uhr vor unserer Lodge anzukommen, uns umzuziehen (mein Schottenrock) und per Taxi zur Single Malt Tour gefahren zu werden, als ein Tiertransporter vor uns auftauchte. Der fuhr sehr langsam und es wurde dadurch  immer später. Mein Sohn, ein ausgezeichneter Fahrer, wurde immer nervöser, die Anspannung meiner Tochter und mir immer grösser. Ein paar gefährliche Überholmanöver von Motorradfahrern später, war die Luft im Auto fast nicht mehr atembar für mich. Mein Adrenalinniveau kam bald bis auf Gehirnhöhe und ich ertrank in meiner Panik. Ich beobachtete mein Tochter wie sie zu ihrem Autofenster rausschaute und wunderte mich über ihre Kaltblütigkeit. Beide hatten sie beim Fahren ihre Freude am Hören von den Drei Fragezeichen wieder entdeckt, aber leider war die Folge, die gerade lief „Die Toteninsel“ nicht gerade beruhigend.

Statt dass wir uns auf gut süditalienische Art angebrüllt hätten und den Emotionen freien Lauf gelassen haben, war es gespenstisch still im Auto. Jeder und jede dealte anders mit dieser Situation und ich bemerkte, dass viele Ängste mitfuhren. Die Angst, nicht perfekt zu sein. Die Angst, nicht zu genügen. Die Angst, Gefühle zu zeigen. Die Angst, zu dieser Familie gehören zu müssen und sie nicht zu wollen. Die Angst, die Sehnsucht nach dem Tod zu offen zu zeigen. Die Angst, es einmal mehr, nicht zu schaffen. Die Angst, es besser gewusst und doch nichts gesagt zu haben. Die Angst, den Jähzorn, des Vaters in meinem Sohn zu entdecken. Die Angst, alles zu verweigern, um zu überleben, an meine Kinder vererbt zu haben. Die Angst, mit einem falschen Wort, alles zu zerstören. Die Angst, über diese selbst gemachte Situation zu lachen. 

Was soll ich sagen. Als wir vor der East Lodge vorfuhren, war der Taxifahrer noch da. Wir haben uns umgezogen und er hat gewartet. Wir waren 5 Minuten zu spät für die Tour der Destillerie und doch nicht die Letzten. Meine Kinder kritisierten meine Art der Entschuldigung und ich habe mich kurz geschämt. Ich habe den Single Malt „Three Woods“ sehr genossen. Wir waren am Leben und zusammen. Mehr gibt es nicht.

 

 

 

 

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