Hokus Pokus Hexenprozess
Ich bin 62 Jahre alt und könnte es sehr gemütlich haben. Ich will aber in meiner Reifezeit mehr über mich und meine blinden Flecken erfahren. Meine inneren Abläufe sollen zu mehr Selbstermächtigung und Freude führen. Das heisst, wenn ich als Frau, als Referentin, als Mutter unter Druck komme, will ich nicht wegschauen, sondern mich bewusst beobachten und den Schattenanteil in mir liebevoll annehmen. Was in mir abläuft nach einer Krise oder Konfrontation, ist aber leider oft ein regelrechter Hexenprozess. Ich stecke mich in ein düsteres Verlies. Als Grossinquisitor nehme ich mich ins Kreuzverhör bis ich alle Sünden zugebe. Als versierte Foltererin, weiss ich genau, wo es am meisten weh tut, und breche mich in viele Tausend Stücke. Als Verteidigerin bin ich mit dem Ankläger einer Meinung: Schuldig. Und zum Schluss verbrenne ich mich auf dem Scheiterhaufen zu einem Häufchen Asche.
Wenn ich überfordert, ungenügend vorbereitet, oberflächlich, nicht mich selbst, euphorisch, infantil, neben der Spur und süchtig nach Aufmerksamkeit bin, macht mir meine Aussenwelt den Gefallen und meldet mir mit Angriffen, Streit, Verachtung, Rückzug und Kritik zurück, dass ich hinschauen soll. Obwohl ich mich entschuldige, eloquent, erkläre und überzeuge, bis es wieder gut ist, ist in mir drin noch lange nichts gut. Meine Hexenprozesse gehen Jahre und finden in diesem dunklen Loch statt, wo eigentlich Selbstliebe sein sollte.
Wir hatten in der Coachingschule, in der ich arbeitete, eine ehemalige Polizeikommissarin in der Geschäftsführung und als ein Dozent eines Übergriffs angeklagt wurde, sagte sie sofort, wir müssen einen Gegenklage machen. Ich war wie vom Donner gerührt. Aber die Logik war augenfällig. Ohne Gegenklage kommt man sofort allein auf die Anklagebank. Mit Gegenklage geschieht das mit dem Gegenüber auch. Die Sache wurde nach einigen Gesprächen in Gegenwart von neutralen und professionellen Drittpersonen glaube ich friedlich beigelegt. Beide Seiten waren einander ebenbürtig, das Gespräch half weiter und der Verdacht löste sich auf.
Revolutionäre und hexige Idee: Was, wenn ich Selbstermächtigung nicht als Ziel eines Prozesses sehe, sondern als Start? Wenn ich unverbrüchlich an mich und an mein gutes Herz glaube? Ist das nicht pure Arroganz? Was macht das in einer therapeutischen Situation mit einem Hilfesuchenden? Meine gute Meinung zu mir selbst, hilft wahrscheinlich ein gutes Fundament zu legen. Und wenn ich in eigene Untiefen stolpere, denen ich mir nicht bewusst bin, muss ich Profi genug sein, um mit Supervision, einen guten Abschluss zu finden für alle Beteiligten. Ich habe ja zum Zurückgreifen ein paar Diplome, eidg. Fachausweise und ein Dutzend Jahre Erfahrung.
Seit meiner Ausbildung bei Susanna Krebs habe ich auch ein Hilfsmittel in einem Dreiecksmodell gefunden. Es gibt bei einem Opfer-Täter-Szenario immer auch eine Beobachter/Bewerter/Helfer-Position. Auf jeden Fall eine dritte Instanz, die das Ganze weiter aufspannt. Eine machtvolle Sache. Das Spiel von Gut und Böse wird mit dem Beobachter sichtbarer, mit dem Bewerter verbundener und mit dem Helfer neutraler. Ja, auch als Opfer habe ich Tätermacht, ja auch als Täter habe ich Opfermacht und auch als Helfer habe ich Täter- wie auch Opfermacht. Bei näherem Hinsehen waren viele Täter zuerst Opfer und darum haben sie auch einen fairen Prozess zu Gute.
Habe ich auch einen fairen Prozess verdient? Ich arbeite daran. Nicht nur für mich, auch für meine Kinder und Kindeskinder. Ich bin mir bewusst, dass das Neuverpflanzen von Süditalien hierher in die Schweiz tief verwurzelte Glaubenssätze meiner Familie automatisch mitgeführt hat. Als Vertreterin der Brückengeneration mache ich mit meinen Hexenprozessen vieles durch, bis ich meine Wahrheit hier und jetzt erfühlen kann. Es ist wie es ist. „Du bist eine starke Frau“, war das schönste Kompliment, das mir meine Mutter in meinem Leben gemacht hat. Sagen wir mal, ich bin durch meine Hexenprozesse feuerfest geworden und darauf darf ich stolz sein.
