30
Jan.
2026
0

Wer will denn schon zurück?

Ich laufe gern vom Bahnhof Tiefenbrunnen zum Bellevue ein paar Tausend Schritte in der Annahme, das tut meinem Körper gut. Nach einer Runde in der Stadt und dann in Herrliberg den Hügel hinauf, habe ich die 10 000 Schritte meistens zusammen. Das Mass zur Verbesserung der Gesundheit ist erreicht, wird mir versichert.  Mein Knie tut dann weh und mein linker Fuss auch, aber ich denke mir, das ist eine gute Überanstrengung.

Bei den Schamanen kann jeder Schritt ein Gebet und ein Segen für die Erde sein, auf der er gemacht wird. Es braucht einfach eine Intention: „Ich bin heilende Energie und wandle auf dieser Erde zum Guten.“ I (links) am (rechts). I am, I am, I am, I, am, I am. 

Zwischen Schulmedizin und Schamanen liegt irgendwo mein eigener Schicksalsweg. Zu akzeptieren, wer ich bin, was in meinem Karmabuch geschrieben steht und was mein nächster Schritt ins Dharma ist, kann ganz schön hart sein. Ich werde diesen Monat 63 Jahre alt und aus meiner persönlichen Lebensstatistik weiss ich ganz genau: Am Ende jeder Etappe ist einewäg einfach mehr Freiheit mein Lohn.

Angst übersetzt sich bei Krankheit oft als Kontrolle. Weil ich eigentlich nichts hundertprozentig kontrollieren kann, was nicht unmittelbar in diesem Moment ausgeführt wird, gaukle ich mir mit Hochrechnungen, gemeinsamen Nennern, Faustregeln und neuen Erkenntnissen aus der Longevity Forschung etwas Kontrolle vor. Meistens folgt der Umsetzung ein zufriedenes Gefühl, noch besser, wenn ich mich in einer Gruppe bewege, die dasselbe glaubt und praktiziert.

Meine alljährliche fiese Erkältung war wieder fällig und hat mich eine Tonne Taschentücher vollschneuzen lassen. Das Gefühl von Kälte habe ich mit mehreren Pullovern, Jacken, Schals und heissem Tee nur langsam exorzieren können. Meistens erst abends unter der Decke und vor mich hin häkelnd, hat sich mein Körper wieder warm angefühlt. Ach ja, das Alter. Viele Freundinnen und Freunde hatten Influenza, das hat getröstet.

Schrittchenweise ging es mir besser. Ich habe Fussbäder mit Aion A gemacht und mir mit Fichtenharzsalbe die Brust eingerieben. Warme Kartoffelsuppe gelöffelt und Hagebuttensirup über meine Haferflocken gegossen. Meine Ma im Himmel hat den Kopf geschüttelt, denn sie hätte mir Zwiebelumschlägen und Nierenwickel gemacht. Ein rohes Ei in den Kaffee geschlagen mit viel Zucker. Ganz andere Schritte also. Doch für mich war das Heilendste, die Erinnerung an ihren lieben Blick und ihre warmen Hände. Sie, die allen Menschen misstraut und sich für das Unkontrollierbare im Leben ganz ihrem Gott anvertraut hat, hat ihren Teil spürbar immer aus vollem Herzen dazugegeben. Meistens im Schnellzugstempo. Ihre Zuversicht war hausgemachte Spiritualität.

Ein paar Schritte in diese Richtung habe ich ja auch schon gemacht: Meine Ausbildung als spirituelle Prozessbegleiterin 2014 und die Lehr- und Wanderjahre im Dienst meiner kranken und alten Eltern haben mir viel beigebracht zu Gesundheit und Respekt und Schicksal. Die schönsten Wendungen in meinem Weg kommen oft verpackt als Zufälle und Einfälle in mein Leben. Also bleibe ich offen, schaue zum Horizont und lasse mich auf den nächsten Schritt ein. Denn ich will nicht zurück. Sondern vorwärts.

 

 

 

 

Leave a Reply