7
Juli
2025
0

Meines Bruders Rede zu unserem Papa.

Abschiedsrede für Gennaro Esposito

Liebe Familie, liebe Freunde

wir sind heute hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von einem Mann, der in unserem Leben eine besondere Rolle gespielt hat – meinem Vater, Gennaro Esposito.

Geboren am 15. Februar 1931 in Pagani, Italien, wuchs er in einer Zeit auf, die von Entbehrung und Unsicherheit geprägt war. Der Zweite Weltkrieg hatte Europa erschüttert, und auch in Süditalien waren Hunger, Armut und Zukunftssorgen Teil des Alltags. Doch gerade aus dieser schwierigen Zeit heraus wuchs in meinem Vater ein starker Wille: Er wollte ein besseres Leben. Er wollte eine Familie gründen, Sicherheit schaffen, Verantwortung übernehmen.

Nach dem Militärdienst machte er sich auf den beschwerlichen Weg in die Schweiz – ein fremdes Land, eine fremde Sprache, harte Arbeit. Für uns heute kaum vorstellbar, was das bedeutete: physisch und emotional. Es war ein unglaublicher Kraftakt, getragen von Entschlossenheit, Mut und der Sehnsucht nach einem Leben in Würde.

In der Schweiz fand er Arbeit bei der Wagonfabrik Schlieren. Dort konnte er sein handwerkliches Talent und seine technische Begabung voll entfalten. Als gelernter Schmied war er nicht nur geschickt, sondern auch einfallsreich und gewissenhaft – Eigenschaften, die ihn zu einem geschätzten Kollegen und Mitarbeiter machten.

Doch sein eigentliches Lebenswerk war nicht der Beruf – es war seine Familie.

Seine Frau Giulia, ebenfalls aus Pagani und aus demselben Straßenzug, kannten sich als Kinder. Ihre Liebe war tief, leise und stark – getragen von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und einer lebenslangen Verbundenheit. Gemeinsam schufen sie ein Zuhause voller Sicherheit, Wärme und klarer Werte.

Zusammen mit ihr hat er drei Kinder großgezogen: Aniello, Anna – und mich.

Er hat uns allen vorgelebt, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen, treu zu sein, hart zu arbeiten und sich nicht von Äußerlichkeiten blenden zu lassen.

Unser Vater war korrekt, professionell und stets freundlich. Er war ein Mensch, auf den man sich verlassen konnte. Einer, der mit Taten sprach statt mit großen Worten. Einer, der Verantwortung übernahm – leise, aber mit ganzer Seele.

In seiner Freizeit fand er Freude im Schrebergarten. Dort, zwischen Tomaten, Zucchini und Salat, arbeitete er Seite an Seite mit unserer Mutter. Der Garten war für ihn ein Ort der Ruhe und des Glücks – ein kleines Paradies, das er mit Hingabe pflegte.

Ein fester Bestandteil seines Lebens war auch der Glaube. Als Katholik ging er regelmäßig in die Kirche – nicht aus Gewohnheit, sondern mit Überzeugung. Seine Religiosität war ruhig und tief, sie gab ihm Halt und Orientierung – besonders in schweren Zeiten.

Was ihn ebenso auszeichnete, war seine Bescheidenheit. Mein Vater besaß keinen Führerschein – und doch war er stets dort, wo man ihn brauchte. Er verspürte keinen Drang nach Konsum, keinen Wunsch nach Luxus, kein Bedürfnis nach Selbstdarstellung.

Er lebte ohne Social Media, ohne Lärm, ohne Getriebenheit. Wenn man ihn suchte, fand man ihn entweder zu Hause – oder im Garten. Mehr brauchte er nicht.

Diese Einfachheit war keine Einschränkung, sondern eine bewusste Lebenshaltung. Und in dieser Haltung lag seine Größe: Er wusste, was zählt.

Mein Vater hat 34.427 Tage gelebt. Über 94 Jahre voller Arbeit, Liebe, Verantwortung und Würde. Jeder einzelne dieser Tage war geprägt von einer inneren Haltung, die selten geworden ist – und umso kostbarer bleibt.

Lieber Papa,

Du hast uns gezeigt, wie man ein gutes Leben führt – mit Würde, mit Ehrlichkeit, mit Liebe.

Du hast uns geprägt – mich, Aniello, Anna – nicht durch große Reden, sondern durch Dein Beispiel.

Du bist nun gegangen. Aber Du bleibst – in unseren Erinnerungen, in unseren Herzen und in all dem, was wir durch Dich geworden sind.

Du bist nun wieder bei Deiner geliebten Giulia. Und wir hoffen, dass Ihr beide an einem Ort des Friedens vereint seid.

Ruhe in Frieden, Papa. Und danke – für alles.

1 Response

  1. Jose Antonio Gordillo Martorell

    Es tut mir leid, vom Tod Ihres Vaters zu hören. Er war ein großartiger Mensch, der durch Sie und all diejenigen, die ihn liebten, weiterlebt. Trauer erfordert Geduld, Ruhe, Gelassenheit und Hoffnung.

Leave a Reply